Programm 2026

SAMSTAG

13:00

„Reise an den Rand der Utopie Larissa Schober

Lesung und Vortrag zur Geschichte der jugoslawischen Partisan*innen

In seinem Buch „Es ist Krieg und wir gehen hin“ schildert der Psychoanalytiker Paul Parin seine Zeit als Arzt bei den jugoslawischen Partisan*innen im II. Weltkrieg. Geschrieben wurde das Buch erst 40 Jahre später, als das sozialistische Jugoslawien bereits zerfiel. Der ursprünglich geplante Buchtitel „Reise an den Rand der Utopie“ erschien dem Verlag unpassend. 

Dabei war die Partisan*innenbewegung genau das: Der Versuch einer Utopie inmitten der Katastrophe. Jugoslawien war das einzige Land in Europa, das sich eigenständig vom Faschismus befreit hat. Dennoch spielt es, genauso wie die Partisan*inenbewegung, in linken Debatten in Deutschland kaum eine Rolle. Ganz anders in Bosnien und Herzegowina, wo Aktivist*innen in der Bewegung einen Bezugspunkt gegen den grassierenden Nationalismus sehen. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Geschichte und das Nachwirken dieses weniger beachteten Kapitels des antifaschistischen Widerstands, gespickt mit Lesestellen aus Parin’s Buch.

Journey to the Edge of Utopia Larissa Schober

Reading and Lecture on the History of the Yugoslav Partisans

In his book „It’s War and We’re Going,“ psychoanalyst Paul Parin recounts his time as a doctor with the Yugoslav Partisans during the Second World War. Written forty years after the events, during the final years of socialist Yugoslavia, the originally planned title—“Journey to the Edge of Utopia”—was deemed unsuitable by the publisher.

Yet the Partisan movement precisely embodied this: an attempt to realize utopia amid catastrophe. Yugoslavia was the only country in Europe to liberate itself independently from fascism. Nevertheless, in left-wing debates in Germany, both the country and the Partisan movement remain largely overlooked. In stark contrast, in Bosnia and Herzegovina, activists see the movement as a vital reference point in resisting rampant nationalism. This lecture provides an overview of the history and lasting impact of this underappreciated chapter of anti-fascist resistance, enriched with excerpts from Parin’s book.

„Gender Punks Kuku Schrapnell

In »Gender Punks« folgt Kuku Schrapnell historischen trans- und intergeschlechtlichen Personen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Dabei geht es um ganz grundlegende Fragen: Was ist Geschlecht überhaupt? Und wie machen wir diese Welt zu einem besseren Ort?

Klug und unterhaltsam zeichnet Kuku Schrapnell das Leben queerer Ikonen wie Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, Romaine-la-Prophétesse, Lucy Hicks Anderson oder der Danshō Okiyo nach.

Es geht um Widerstand in einer Welt, in der sich Patriarchat und Kapitalismus gegenseitig verstärken. Kuku Schrapnell zeigt, dass es in all dieser Zeit und all den dazugehörigen Verwerfungen immer wieder Menschen gab, die sich erst auf persönlicher und schließlich auf kollektiver Ebene der Herrschaft und Unterdrückung widersetzten. Kuku Schrapnell entreißt die Schicksale den Gerichts- und Krankenakten und schreibt sie solidarisch und liebevoll neu.

„Gender Punks“ – Kuku Schrapnell

In „Gender Punks,“ Kuku Schrapnell traces the lives of trans and intersex individuals from the 17th to the 20th century. The book confronts fundamental questions: What is gender, really? And how can we make this world a better place?

Intelligent and engaging, Kuku Schrapnell reconstructs the lives of queer icons such as Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, Romaine-la-Prophétesse, Lucy Hicks Anderson, and the Danshō Okiyo. The narrative explores resistance in a world where patriarchy and capitalism reinforce each other. Schrapnell demonstrates that throughout history, despite all upheavals and systemic violence, there have always been individuals who resisted domination and oppression—first on a personal level, and eventually collectively. By reclaiming these lives from court and medical records, Schrapnell rewrites their stories with solidarity and love.

15:00

„Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ Tina Sanders und Nikolas Lelle

moderiert von Jörg Sundermeier

In nahezu allen Gesellschaftsbereichen erleben wir derzeit einen rasanten Anstieg von Antisemitismus. Darauf weisen aktuelle Forschungsergebnisse ebenso hin wie Statistiken von Melde- und Beratungsstellen wie RIAS und OFEK. Besonders bemerkenswert ist die Zunahme judenfeindlicher Vorfälle in alternativen und sich progressiv gebenden Milieus, die sich in ihrer Selbstwahrnehmung oftmals immun gegenüber solchen Tendenzen wähnen. In „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ (hg. v. Andreas Borsch und Tobias Johann) fragen sich die Autor:innen, wie eine Subkultur wie Punk, deren Geschichte und Gegenwart maßgeblich auch von jüdischen Protagonist:innen geprägt wurde und wird, anfällig für antisemitische Dynamiken werden konnte? Inwiefern setzen sich Punks gegen Antisemitismus zur Wehr? Wie erleben jüdische Punks – auch in Deutschland – die Entwicklungen seit dem Siebten Oktober? Was macht Subkulturen wie Punk dennoch auch für Juden und Jüdinnen noch immer attraktiv? Kann Punk ein Reservoir sein, für eine Kritik und Bekämpfung des Antisemitismus auf der Höhe der Zeit?

Mit den Beiträger*innen Tina Sanders und Nikolas Lelle, Jörg Sundermeier moderiert.

„Jewish Identities and Antisemitism in Punk“ – Tina Sanders and Nikolas Lelle, moderated by Jörg Sundermeier

We are currently witnessing a rapid rise in antisemitism across nearly all spheres of society. This trend is confirmed by recent research findings as well as statistics from reporting and counseling centers such as RIAS and OFEK. Particularly striking is the increase in antisemitic incidents within alternative and self-proclaimed progressive subcultures, which often perceive themselves as immune to such tendencies. In the volume „Jewish Identities and Antisemitism in Punk“ (edited by Andreas Borsch and Tobias Johann), the authors ask: How could a subculture like punk—whose history and present have been profoundly shaped by Jewish protagonists—become susceptible to antisemitic dynamics? To what extent do punks resist antisemitism? How do Jewish punks—also in Germany—experience developments since October 7th? What still makes subcultures like punk attractive to Jews and Jewish people? Can punk serve as a reservoir for timely, relevant critique and resistance against antisemitism?

With contributors Tina Sanders and Nikolas Lelle, moderated by Jörg Sundermeier.

Die Revolutionäre Front“. Militanter Antifaschismus und Klassenkampf (Schweden) – Emma Hagberg

Letztes Jahr wurde in Deutschland das Buch über Die Revolutionäre Front vom Verlag Immergrün veröffentlicht.

In diesem Buch wird die Geschichte der Organisation aus der Sicht ihrer Mitglieder erzählt. Es basiert auf Interviews und schriftlichen Erinnerungen und wird ergänzt durch Artikel aus der RF-Website, Fotos, Fahnen und Plakate. Stolz auf das, was die RF erreicht hat, geht einher mit Selbstkritik. Interne Spannungen werden nicht verdrängt.

„Kameraden, keine Freunde“ dokumentiert eine der wichtigsten antifaschistischen, arbeitenden-Klasse-Organisationen Europas im frühen 21. Jahrhundert. Die Fragen, die es zu Militanz, Klassenkampf, Antifaschismus, politischer Organisation und revolutionärer Politik aufwirft, sind universell.

In diesem Herbst erscheint das Buch auf Englisch bei PM Press.

Comrades, Not Friends: The Revolutionary Front, Antifascism, and Class Struggle – Emma Hagberg

Last year, the book about the Revolutionary Front was published in Germany by Immergrün Verlag.

This book tells the story of the organization from the perspective of its members. Based on interviews and personal memoirs, it is illustrated with articles from the RF website, photographs, banners, and posters. Pride in what the RF has achieved is balanced with self-critique. Internal tensions are not glossed over.

„Comrades, Not Friends“ documents one of Europe’s most significant antifascist, working-class organizations of the early twenty-first century. The questions it raises about militancy, class struggle, antifascism, political organizing, and revolutionary politics are universal.

This autumn, the book will be released in English by PM Press.

Es ist kompliziert. Zur Beziehung von Kapitalismus und Feminismus – Katharina Lux

moderiert von Alexandra Ivanova

Väter in Elternzeit, rechtliche Gleichstellung, Frauen in Führungspositionen – viele feministische Forderungen haben sich in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt. Und doch ist eine von Geschlechternormen und ökonomischen Zwängen befreite Gesellschaft nicht ansatzweise verwirklicht. Was ist schiefgegangen? Warum haben sich viele feministische Bewegungen so mühelos an die kapitalistische Logik angepasst?

In diesem Essay richtet Katharina Lux einen Scheinwerfer auf verschiedene Feminist*innen und analysiert ihre Rolle im Kapitalismus. Es ist kompliziert: Wer von ihnen hat sich in den letzten Jahrzehnten auf welche Form von Beziehung mit dem System eingelassen? Wer führt eine Romanze mit dem Bestehenden und wer verweigert sich? Dieses MaroHeft wirbt für eine harte Beziehungsbilanz. Die Schlussfolgerung: sofortige Trennung und dauerhafter Kontaktabbruch.

Die Grafikerin Amelie Göppel kommentiert und untersucht in der begleitenden Bilderstrecke feministische Werbestrategien großer Konzerne, sogenanntes »Femvertising«.

It’s Complicated: On the Relationship Between Capitalism and Feminism – Katharina Lux

moderated by Alexandra Ivanova

Fathers on parental leave, legal equality, women in leadership positions—many feminist demands have been realized over the past decades. And yet, a society free from gender norms and economic coercion remains far from reality. What went wrong? Why have so many feminist movements so easily adapted to capitalist logic?

In this essay, Katharina Lux shines a spotlight on various feminists and analyzes their roles within capitalism. It’s complicated: Which of them entered into what kind of relationship with the system over the past decades? Who is in a romantic relationship with the status quo, and who resists? This MaroHeft calls for a rigorous relationship audit. The conclusion: immediate separation and permanent disconnection.

Graphic designer Amelie Göppel comments on and investigates in a companion photo essay the feminist advertising strategies of major corporations—so-called “femvertising.”

17:00

„In Kliniken“. Bruchstücke über das Nüchterne Anne Hofmann und Marie Siewert

In dem Buch „In Kliniken. Bruchstücke über das Nüchterne“ wird der Alltag in einem mitteldeutschen Krankenhaus in Sachsen-Anhalt im Jahr 2021 beschrieben. Innerhalb von einem Jahr hat die Autorin mit Mitarbeitenden Interviews geführt und alltägliche Handlungen im Klinikum eingefangen. Ihre persönliche Sicht als „Stundenlöhnerin“ auf die eigene Tätigkeit und das Arbeitsumfeld werden vor allem in den Gedichten und Traumsequenzen sichtbar. In den Interviews sprechen die Menschen über ihre Sicht auf Arbeit sowie das Gesundheitssystem anhand eines konkreten Klinikums. So kommen unterschiedliche Sprecher*innen zu Wort. wissenschaftliche und literarische Zitate betten das persönlich Beschriebene in einen politisch-aktuellen Kontext um das Wirtschaften und Privatisieren von Krankenhäusern ein. Die 18 Fotografien unterstreichen das Beschriebene auf einer poetischen Ebene und machen den Recherche-Roman gleichzeitig zu einem Künstler*innen-Buch.

„In Clinics“. Fragments on Sobriety – Marie Siewert

In the book „In Clinics. Fragments on Sobriety,“ the author describes daily life in a hospital in central Germany, Saxony-Anhalt, during 2021. Over the course of one year, she conducted interviews with staff and captured everyday actions within the hospital. Her personal perspective as a „hourly worker“ on her own work and working environment is especially visible in the poems and dream sequences. In the interviews, people speak about their views on work and the healthcare system through the lens of a concrete hospital. Thus, diverse voices emerge. Scientific and literary quotations place the personal accounts within a broader political and current context concerning the commodification and privatization of hospitals. The 18 photographs reinforce the narrative on a poetic level and transform the research-based novel into an artist’s book.

„Spitzel“ Klaus Viehmann

SPITZEL. V-Personen. Spycops. Typologie. Demaskierung. (Immergruen Verlag). Buchvorstellung und Diskussion

Herrschaft lässt sich nicht durch die Wirkung von Spitzeln erklären, aber es gibt sie und Polizeien und Geheimdienste versuchen, mit ihnen den Lauf der Geschichte und den Weg emanzipatorischer Bewegungen zu beeinflussen. Aktivist:innen haben allen Grund zu der Annahme, in den Wirkungsbereich von Spitzeln zu geraten. In all ihren Erscheinungsformen können Spitzel sehr zahlreich sein, es waren in den letzten Jahrzehnten hunderte, die auf Bewegungen, Parteien und Einzelne angesetzt wurden. Nicht alle waren gut platziert oder effektiv, aber auch nur die allerwenigsten sind bekannt geworden. Zu den üblichen, angeworbenen „V-Personen“ kommen seit einiger Zeit „Spycops“, Verdeckte Ermittler:innen, deren Einsatz heute standardisierte Praxis des Staatsschutzes ist. Ein fundiertes Wissen über V-Personen, Spycops und die Möglichkeiten ihrer Demaskierung hilft gegen Paranoia ebenso wie gegen Naivität.

SPITZEL. V-Persons. Spycops. Typology. Exposure. (Immergrün Verlag). Book Presentation and Discussion

Power cannot be explained solely by the influence of informants, yet such figures exist—and police and intelligence agencies have long sought to use them to shape the course of history and steer emancipatory movements. Activists have ample reason to suspect they may be under surveillance by informants. Informants can appear in many forms and have been numerous—hundreds have been deployed over recent decades against movements, parties, and individuals. Not all were well-placed or effective, but only a tiny fraction has ever become known. Alongside the traditional, recruited „V-Persons,“ there has recently emerged a new category: „Spycops“—undercover investigators whose deployment has now become standardized practice in state security. A solid understanding of V-Persons, Spycops, and the possibilities of exposing them helps guard against both paranoia and naivety.

19:00

„Eine Klassenanalyse der Wokeness“ Dennis Schnittler

Buchvorstellung – Lesung – Diskussion

Transpersonen im Frauensport, antirassistische Cancelculture, Identitätspolitik an den Universitäten, politisch korrekte Sprache in den Medien, geschlechtsangleichende Operationen bei Minderjährigen – all dies sind Aspekte des Lebens moderner Gesellschaften, die inzwischen unter dem Schlagwort der Wokeness zusammengefasst werden. Kaum ein anderer Themenkomplex spaltet das Publikum so zuverlässig und bringt es in Rage, auf die eine oder andere Weise. Kaum etwas sorgt in gleichem Ausmaß für rege Diskussionen und wüste Beschimpfungen in den Kommentarspalten der sozialen Medien. Welche in der Vergangenheit liegenden Entwicklungen haben zu diesem aktuellen Zustand des gesellschaftlichen Gesprächs geführt? Welche Klassen und Klassensegmente kämpfen anlässlich der Wokeness und um was? Können die Menschen von der Wokeness profitieren oder ist sie ein Ausdruck des spätkapitalistischen kulturellen Verfalls, der unseren kollektiven Untergang bedeutet? Weil es ein soziales Phänomen wie die Wokeness noch nie gegeben hat, muss zur Beantwortung dieser Fragen weit ausgeholt werden. Deshalb handelt dieses Buch, von den Anfängen der kapitalistischen Produktionsweise ausgehend, von der transatlantischen Sklaverei und deren Abschaffung, von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, vom Patriarchat und der Emanzipation der Frauen sowie von der allmählichen Zivilisierung der Männer, bevor ein erschöpfendes Fazit zur Wokeness gezogen wird.

„A Class Analysis of Wokeness Dennis Schnittler

Book Presentation – Reading – Discussion

Transgender participation in women’s sports, anti-racist cancel culture, identity politics at universities, politically correct language in the media, gender-affirming surgeries for minors—all of these are aspects of life in modern societies that are now commonly grouped under the label of wokeness. Few other topics divide public opinion so reliably and provoke such strong reactions, one way or another. Hardly anything else generates the same level of intense debate and heated exchanges in the comment sections of social media.

What historical developments have led to the current state of public discourse? Which social classes and class segments are engaged in struggles over wokeness, and what are they fighting for? Can people benefit from wokeness, or is it an expression of late-capitalist cultural decline that signals our collective downfall?

Because a social phenomenon like wokeness has never existed before in this form, answering these questions requires a broad historical perspective. Accordingly, this book begins with the origins of the capitalist mode of production and explores the transatlantic slave trade and its abolition, the U.S. civil rights movement of the 1960s, patriarchy and the emancipation of women, as well as the gradual civilizing of men, before arriving at a comprehensive conclusion on the phenomenon of wokeness.

SONNTAG

13:00

„Verbrannte Traeume“ – Lara Eckstein

Waldbrände, Bombenalarm und die Suche nach der großen Liebe: Lara Eckstein führt uns durch einen Sommer der Entscheidungen über Freundschaft, Liebe und Lebensfragen in Zeiten von Krieg und Klimakrise.

Eine dystopischer, queerer Roman, der im Jahr 2027 spielt und Beziehungs- wie auch die Gewaltfrage miteinander verwebt.

Lesung und Diskussion mit der Autorin (Aktivistin aus Berlin)

„Burnt Dreams“ – Lara Eckstein

Wildfires, bomb alerts, and the search for great love: Lara Eckstein takes us through a summer of decisions about friendship, love, and life’s big questions amid war and climate crisis.

A dystopian, queer novel set in 2027, weaving together themes of relationships and violence.

Reading and discussion with the author (activist from Berlin).

„Bitch Hunt“ Veronika Kracher

Im Sommer 2022 offenbarte die Hasskampagne gegen die Schauspielerin Amber Heard, wie salonfähig es ist, Opfer häuslicher Gewalt zu verhöhnen und wie omnipräsent Frauenhass in unserer Gesellschaft nach wie vor ist. Was früher in den reißerischen Printmedien stattfand, passiert heute online und in Echtzeit. Ein breites Publikum beteiligt sich begeistert an Hass und Hetze gegen Frauen – stellenweise sogar ungehemmt unter vollem Klarnamen. Influencer, deren Content ausschließlich aus Angriffen gegen Frauen und queere Menschen besteht, erreichen auf sozialen Medien ein Millionenpublikum. Digitale Plattformen unterbinden diesen, oft gegen Einzelpersonen gerichteten Hass, nicht – ganz im Gegenteil, denn hinter dem Hass steckt oft ein System, das gewinnbringende Klicks generiert.
In »Bitch Hunt« analysiert Veronika Kracher die Funktion digitaler Misogynie, welche Rolle misogyne Kampagnen im rechten Kulturkampf spielen, und wieso Soziale Medien alltäglichen Frauenhass in einer patriarchalen Gesellschaft derart verstärken. Letztendlich leiden nicht nur Betroffene unter diesen Dynamiken, sondern unsere Demokratie.

„Bitch Hunt“ Veronika Kracher

In summer 2022, the hate campaign against actress Amber Heard revealed just how normalized it has become to mock victims of domestic violence, and how pervasive misogyny remains in our society. What once occurred in sensationalist print media now happens online and in real time. A broad public enthusiastically participates in hate and harassment campaigns against women—often without restraint, even using full names. Influencers whose content consists exclusively of attacks against women and queer people reach millions on social media platforms. Digital platforms do not prevent this kind of targeted hate—on the contrary, they often fuel it, as behind the hate lies a system that generates profitable clicks.

In Bitch Hunt, Veronika Kracher examines the function of digital misogyny, the role of misogynistic campaigns in the far-right culture war, and why social media so dramatically amplify everyday misogyny in a patriarchal society. Ultimately, it is not only the victims who suffer from these dynamics—but our democracy itself.

15:00

Das Gewicht der anderen“ (Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2026) Bahram Moradi

Lesung und Gepräch

Iran, Juni 1981: Der Sieg der Islamischen Revolution liegt zwei Jahre zurück, das neue Regime beginnt, die politische Opposition auszuschalten. Die Welle der Gewalt macht auch vor Minderjährigen nicht Halt, und so verlebt der junge, aufgrund einer Verwechslung festgenommene Peyman Bamshad seine Jugend in verschiedenen Haftanstalten. Folter und Massenhinrichtungen bestimmen den Alltag, dem die Insassen die Bewältigungsstrategie der Jugend entgegensetzen, Grausames und Unverständliches ins Lächerliche zu ziehen. Sie erschaffen sich eine Welt, die nach eigenen Gesetzen funktioniert, mit einer eigenen Sprache und einem eigenen Humor. Nach seiner Entlassung schafft Peyman es nicht, an sein früheres Leben anzuknüpfen. Er isoliert sich, zieht in den Keller seines Elternhauses und verlässt diesen schließlich nicht mehr. In seinem vierzigsten Lebensjahr beschließt er, sich von der Last des Erlebten zu befreien und einem Selbst auf die Spur zu kommen, das kaum Gelegenheit hatte, sich zu entwickeln.

In rasantem Tempo erzählt, folgen wir den Erinnerungen Peyman Bamshads in seinem Keller, wobei der erwachsene Protagonist mit seinem dreizehnjährigen Ich verschmilzt – auf der Suche nach sich selbst führt er uns durch die Absurdität der postrevolutionären Jahre im Iran.

The Weight of the Others“ (Shortlisted for the International Literature Prize 2026) – Bahram Moradi

Reading and Discussion

Iran, June 1981: Two years have passed since the victory of the Islamic Revolution, and the new regime is beginning to eliminate the political opposition. The wave of violence reaches even minors, and thus the young Peyman Bamshad, arrested by mistake, spends his youth in various detention centers. Torture and mass executions shape daily life, to which the inmates respond with a coping strategy born of youth: ridiculing the cruel and incomprehensible. They create their own world, governed by their own laws, with a unique language and a distinct sense of humor. After his release, Peyman fails to reconnect with his former life. He isolates himself, moves into the basement of his parents‘ house, and never leaves it again. At the age of forty, he decides to free himself from the burden of his past and to finally trace the self that barely had the chance to develop.

Told at a rapid pace, we follow Peyman Bamshad’s memories from his basement, as the adult protagonist merges with his thirteen-year-old self—leading us through the absurdity of post-revolutionary Iran in search of his own identity.

„ENDKONTROLLE“. Über die Arbeit der Frauen in der Schirmfabrik Adorf Lysann Nemeth

Der VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt war die einzige Schirmfabrik der DDR. Bis zu seiner Schließung 1991 hat er etwa 40 Millionen Regenschirme produziert und hauptsächlich ins sozialistische Ausland exportiert. In Adorf im Erzgebirge befand sich der dritte von insgesamt vier Betriebsteilen – die Schirmkonfektion und der Versand. 

In Chemnitz und Umgebung begegnen Lysann Németh bis heute Einkaufsbeutel, die aus Stoffresten dieser Regenschirme gefertigt wurden. So entstanden die Fotoserien „Gefährten“ und „Auserwählte“. Zehn Textcollagen aus zahlreichen Gesprächen mit den ehemaligen Adorfer Arbeiterinnen erzählen von Schirmherstellung und Sonderschichten, Kollektiv und Arbeitsalltag, Endkontrolle – und Abwicklung.

Lysann gibt Einblicke in ihre künstlerische Recherchearbeit zum VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt. Abgerundet wird der multimediale Vortrag, der einen Erinnerungsschirm über die Arbeit der Adorfer Frauen spannt, mit einer Lesung aus ihrem Buch „Endkontrolle“. 

„ENDKONTROLLE“. On the Work of Women at the Adorf Umbrella Factory Lysann Németh

The VEB Umbrella Factory Karl-Marx-Stadt was the only umbrella factory in East Germany. Until its closure in 1991, it produced around 40 million rain umbrellas, primarily exported to socialist countries. In Adorf, in the Erzgebirge region, was the third of four production units—the umbrella assembly and dispatch center.

Today, in Chemnitz and surrounding areas, people still encounter shopping bags made from leftover fabric from these umbrellas. This inspired the photo series “Companions” and “The Chosen.” Ten text collages, drawn from numerous conversations with former female workers from Adorf, tell stories of umbrella production, overtime shifts, collective life, daily work routines, final quality control—and the factory’s closure.

Lysann shares insights into her artistic research on the VEB Umbrella Factory Karl-Marx-Stadt. The multimedia lecture, which creates a “memory umbrella” over the work of the Adorfer women, concludes with a reading from her book “Endkontrolle.”

17:00

Vorstellung der Broschüre „Majas Hungerstreik 2025“ Soli-Komitee für Maja

Am 5. Juni 2025 begann der:die inhaftierte Antifaschist:in Maja einen 40-tägigen Hungerstreik im Budapester Knast. Als Solidaritätskomitee haben wir Maja bei der Vorbereitung und Durchführung des Hungerstreiks unterstützt und arbeiten seitdem weiter. Ein Jahr nach Beginn des Hungerstreiks haben wir eine Broschüre mit einer ausführlichen Auswertung des Hungerstreiks veröffentlicht. Wir möchten euch die Broschüre vorstellen, über Majas aktuelle Situation sprechen und mit euch ins Gespräch kommen. Ihr könnt die Broschüre vor Ort bekommen. Die elektronische Version und mehr Infos findet ihr auch auf basc.news.

Brochure Presentation: „Maja’s Hunger Strike 2025“ – Soli Committee for Maja

On June 5, 2025, the imprisoned antifascist Maja began a 40-day hunger strike in Budapest’s prison. As a solidarity committee, we supported Maja in preparing for and carrying out the hunger strike, and have continued our work since. One year after the hunger strike began, we have published a brochure with a detailed analysis of the hunger strike. We would like to present the brochure to you, discuss Maja’s current situation, and engage in conversation. You can obtain a copy at the event. The electronic version and further information are also available at basc.news.

Alles muss man selber machen. Zur Geschichte der Rätebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava Christopher Wimmer

»Alles muss man selber machen« ist ein Buch über Menschen, die sagen: So kann es nicht weitergehen – wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand. Ob in den Straßen von Paris 1871, den Fabriken Petrograds 1917, den Städten und Dörfern Nordsyriens oder im Urwald von Chiapas – überall entstanden im Zuge von sozialen Konflikten und Aufständen Räte: Selbstorganisierte Zusammenschlüsse in allen gesellschaftlichen Bereichen, die nicht nur protestieren, sondern beginnen, das gesamte Leben neu zu gestalten.

Christopher Wimmer erzählt in lebendigen Szenen, wie solche Bewegungen entstehen, wie sie funktionieren – und woran sie oft auch scheitern. Er zeigt an unterschiedlichen historischen Beispielen, wie Menschen Schulen und Krankenhäuser selbst verwalten, wie sie Entscheidungen im Kollektiv treffen, Güter verteilen, Streit schlichten, sich verteidigen – ohne zentrale Regierung oder Staat. Dieses Buch bringt Geschichte zum Sprechen: mit Geschichten von Mut, Hoffnung, aber auch Niederlagen. Es fragt, was wir von den Rätebewegungen vergangener und heutiger Tage lernen können – für eine selbstverwaltete und demokratische Gesellschaft, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern im Alltag gelebt wird.

Everything Must Be Done by Ourselves. On the History of Council Movements, from the Paris Commune to Rojava – Christopher Wimmer

„Everything Must Be Done by Ourselves“ is a book about people who say: We can’t go on like this—we will take our fate into our own hands. Whether in the streets of Paris in 1871, the factories of Petrograd in 1917, the towns and villages of northern Syria, or the jungles of Chiapas—everywhere, amid social conflicts and uprisings, councils emerged: self-organized collectives across all areas of society that not only protest, but begin to reshape life itself.

Christopher Wimmer vividly recounts how such movements arise, how they function—and where they often fail. Drawing on diverse historical examples, he shows how people manage schools and hospitals themselves, make decisions collectively, distribute goods, settle disputes, and defend themselves—all without a central government or state. This book brings history to life: through stories of courage, hope, but also defeat. It asks what we can learn from past and present council movements—for a self-managed, democratic society that is not merely written on paper, but truly lived in everyday life.